Mexiko 1968 – Das Massaker von Tlatelolco – Über 40 Jahre Straflosigkeit

Zu diesem Thema sprach Ana Ignacia Rodríguez, genannt La Nacha, am 1.12.2009 in der bis auf den letzten Platz gefüllten Werkstatt 3 in Altona. Und unter diesem Motto stand auch die speakers tour, die La Nacha im November/ Dezember durch neun Städte führte. Sie sprach als Zeitzeugin und Überlebende des Massakers vom 2. Oktober 1968 und als ehemalige politische Gefangene über die Straflosigkeit der Täter und die bis heute andauernden staatlichen Menschenrechtsverletzungen in Mexiko.

Als Mitglied des Comité 68 – einem 1978 ge-gründeten Zusammenschluss von Aktivist/ innen – berichtete La Nacha über ihre aktuelle Kampagne gegen die Straflosigkeit und gegen das Vergessen. Dem Komitee war es in den vergangenen Jahren gelungen, den früheren Innenminister und späteren Staatspräsidenten, Luis Echeverría Álvarez, unter Mordanklage zu stellen. Neben anderen wird er als der Hauptverantwortliche für die Massaker vom 2.10. 1968 und vom 10.6.1971 sowie für die im sog. "schmutzigen Krieg" der 1970er Jahre verschwundenen Menschen (man spricht von ca. 600 Personen) angesehen. Der Oberste Gerichtshof erließ gegen Echeverría für die Dauer von zwei Jahren Hausarrest (ein in der neueren Geschichte Mexikos einmaliger Vorgang), erwirkte aber im Frühjahr 2009 dessen Aufhebung, ohne den Beschuldigten zu rehabilitieren. Dies gibt dem Komitee die Möglichkeit, den Fall nach Ausschöpfung der nationalen Gerichtsbarkeit vor ein internationales Strafgericht zu bringen.
La Nacha war eine der wenigen jungen Frauen, die in der Studentenbewegung von 1968 in Mexiko-Stadt eine führende Rolle gespielt hatte. Die anfänglich auf den akademischen Raum beschränkten Unruhen wuchsen sich ab August 1968 binnen kurzer Zeit zu einem nationalen Massenprotest aus, der sich gegen die von Regierung und Militär verfolgte soziale Repression richtete. Das Massaker vom 2. Oktober 1968 im Stadtteil Tlatelolco – zehn Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele – markierte de facto das Ende der Studentenbewegung.

La Nacha wurde insgesamt dreimal verhaftet. Sie stand kurz vor dem Abschluss ihrer juristischen Ausbildung, als sie Monate später im Januar 1969 frühmorgens verschleppt wurde. Gemeinsam mit anderen Studienkollegen wurde sie einer Reihe schwerer und schwerster Straftaten beschuldigt, die weder sie noch ihre Freunde jemals begangen hatten – ein in Mexiko bis heute übliches vorgetäuschtes Anklageverfahren. Im Oktober 1970 wurde sie rechtskräftig zu 16 Jahren Haft verurteilt. Am 26. Dezember des gleichen Jahres wurde sie überraschend frei gelassen.

La Nacha bei der Auftaktveranstaltung am 3.11. in Frankfurt/Main

Während der fast zweijährigen Haft hatte sich Amnesty International ihrer angenommen. Speziell eine deutsche Gruppe in Frankfurt am Main (damals: Gruppe 609) hatte La Nacha betreut, ihr regelmäßig Briefe ins Gefängnis geschrieben, Lebensmittel in Konserven geschickt, mit ihrem Anwalt korrespondiert und sich an das IS in London gewandt. Es steht nach Aussage von La Nacha außer Frage, dass diese begleitenden Aufmerksamkeiten der Frankfurter Gruppe zu ihrer Begnadigung und vorzeitigen Haftentlassung beigetragen haben. Auch nach ihrer Befreiung hatte sich die Frankfurter Gruppe über Jahre um sie gekümmert und ihr u.a. Geld überwiesen.
Aus diesem Grund hatte Nacha seit langem den Wunsch, sich irgendwann in ihrem Leben für diese Hilfe bedanken zu können, und deshalb fand auch in der Frankfurter Universität die Auftaktveranstaltung statt.
Leider ist es uns nicht gelungen, nach über 40 Jahren noch irgendjemanden ihrer damaligen Helfer ausfindig zu machen. So hat La Nacha ihren Dank während der Rundreise allgemein an die Deutschen formuliert.
La Nacha entpuppte sich als eine begnadete Rednerin, die ihre Zuhörerschaft – ob jung oder alt – immer wieder in den Bann zog. Wie auch die anderen Komitee-Mitglieder ist sie frei von Rachegedanken. Dennoch wiederholte sie bei jeder Veranstaltung den Wahlspruch des Comité 68: "Ni perdón, ni olvido" (Weder Gnade noch Vergessen). Über die Massaker und das Verschwindenlassen von Menschen dürfe nicht der Mantel des Schweigens gezogen werden. Wenn der Expräsident nun schon so alt sei, dass er laut mexikanischer Rechtssprechung nicht mehr ins Gefängnis verbracht werden dürfe, so solle doch alles versucht wer-den, ihm sein beträchtliches Vermögen zu entziehen und es der heutigen Studentengeneration zukommen lassen.
Neben ihren Vorträgen wurde in einigen Städ-ten auch der abendfüllende Spielfilm "Cementerio de Papel" (Friedhof der Papiere) gezeigt, den La Nacha im Gepäck hatte. Dabei handelt es sich um die Verfilmung des gleichnamigen spannenden Romans von Fritz Glockner, dessen Vater 1976 als Guerillero erschossen wurde. Der Film besticht durch die Nähe zur Realität, da die Drehorte den realen Schauplätzen entsprechen und einige Schauspieler/innen die Aktivist/innen von damals und heute sind.

"Cementerio de Papel" ist ein Thriller über die fehlende Aufarbeitung staatlicher Menschen-rechtsverletzungen. Spielort ist der "schwarze" Lecumberri-Palast, der seinerzeit das berüchtigte Gefängnis von Mexiko-Stadt war. Heute beherbergt er das Archivo General de la Nación, wo die Akten über den schmutzigen Krieg der 1970er Jahre lagern, die seit 2002 wieder öffentlich zugänglich sein sollen. Aber es besteht immer noch ein diffuses Geflecht von ehemaligen Tätern, Geheimagenten und (Ex)Politikern, die keinerlei Interesse an einer Aufklärung der Vorgänge von damals haben.
Der Film kam Anfang 2009 in die mexikanischen Kinos, wurde aber nur kurz gezeigt, da die Werbung für die Filmvorführung verschwand und einige Kinos von ihren Besitzern die Auflage erhielten, den Film so bald wie möglich abzusetzen. Dies zeigt die Aktualität und die Kontroversen, die sich immer noch um die Vergangenheitsbewältigung ranken.

La Nacha im Welthaus Bielefeld. Barbara Schütz übernahm die Übersetzung.
Wer sich nachträglich noch ein Bild von der speakers tour machen möchte, sei auf den Blog "http://memoria.blogsport.de" hingewiesen.

Wolfgang Grenz (Sprecher)
Regionalverbund Mexiko/Zentralamerika
Hamburg